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| IMC Wiki | Alveolarfortsatzfrakturen

Alveolarfortsatzfrakturen

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Definition

Unter Alveolarfortsatzfrakturen verstehen wir Frakturen des zahntragenden Anteils des Kieferknochens.
Eine Alveolarfortsatzfraktur ist oftmals mit einer Luxation oder Teilluxation von Zähnen und/oder mit einer Fraktur des Kieferkörpers kombiniert (Kübler et Mühling 1998).

Einteilung

  • partielle Alveolarfortsatzfraktur (Bruch der vestibulären oder oralen Alveolenwand)
  • vollständige Alveolarfortsatzfraktur (Fraktur der vestibulären und oralen Alveolenwand) ohne Dislokation
  • vollständige Alveolarfortsatzfraktur mit Dislokation

Diagnostik

Allgemeine Diagnostik
  • Inspektion
    • ggf. stärkere Blutungen aus der Gingiva
    • ggf. frakturbedingte Okklusionsstörung
  • Palpation
  • Sensibilitätsprobe der Zähne
    Die Vitalität der betroffenen Zähne geht bei Alveolarfortsatzfrakturen häufig verloren. Die Sensibilitätsprobe muss ggf. später wiederholt werden.
  • Sensibilitätsprüfung des N.trigeminus
  • Röntgen (OPG, Zahnfilm, Panoramaaufnahmen)
Weiterführende Untersuchungen
  • Röntgen in der zweiten Ebene
  • Computertomographie
  • Abformung beider Kiefer mit Modellherstellung als Simulationsmodell zur Reposition und ggf. zur Herstellung individueller Schienen
Jeder einzelne Zahn im Fragment und in der Nachbarschaft ist sorgfältig zu untersuchen.

Therapieindikationen

  • klinischer und/oder röntgenologischer Nachweis einer Alveolarfortsatzfraktur
    (sichere klinische Frakturzeichen sind die Fragmentdislokation und die abnorme Beweglichkeit)
  • Kaufunktionsstörung
  • Verletzung benachbarter Weichgewebe (z. B. Gingivaeinriss)
  • Gefühlsstörung
  • Zahnfraktur oder -mobilität

Therapie

Ziel der Therapie ist die Erhaltung aller Knochenfragmente.
Die Therapie sollte so früh wie möglich erfolgen.

Liegt eine Dislokation vor, so wird vor der Schienung eine Reposition der Alveolarfortsatzfragmente mit anschließender Röntgen-Kontrolle durchgeführt.
Mobile alveoläre Knochenstückchen sind in überwiegender Anzahl mit Periost verbunden. Das Entfernen dieser Knochenfragmente ist nicht angezeigt, da diese regelmäßig einheilen.
Das Behandlungsverfahren ist grundsätzlich unter Lokalanästhesie möglich.

Konservative Therapie

Geschlossene Reposition #pic#
  • Ruhigstellung mittels einer Schiene für 4-6 Wochen
  • weiche und flüssige Kost in Abhängigkeit von der Frakturdislokation
  • Verlaufsbeobachtung, regelmäßige klinische und röntgenologische Kontrollen
  • Antibiose für 7 Tage
  • möglichst sofort Tetanusprophylaxe, falls diese erforderlich ist
Die Ruhigstellung mittels einer Schiene

Die Fixation erfolgt durch eine Schiene, wenn noch genügend feste Zähne im Kiefer vorhanden sind. Die Zähne des reponierten Abschnitts werden im Verbund mit beidseitig mehreren Zähnen unverletzter Kieferabschnitte geschient.
Die Schienungsdauer beträgt 4-6 Wochen.
Bei isolierten Alveolarfortsatzfrakturen ist eine mandibulomaxilläre Fixation (intermaxilläre Ruhigstellung) nicht erforderlich.
Frakturierte oder tief zerstörte Zähne werden erstmal belassen, um den Knochen nicht noch weiter zu traumatisieren.
Verletzte Zähne werden nach den Grundsätzen der Therapie von Zahntraumen behandelt.
Nach Abnahme der Schiene sind Vitalitätsprüfungen und Röntgenkontrollen notwendig. Gegebenenfalls müssen später noch Extraktionen, Wurzelspitzenresektionen und Wurzelfüllungen vorgenommen werden.

Die Auswahl der Schiene

Im Gegensatz zu einer geforderten semi-rigiden oder flexiblen Schienung nach Zahntraumata sollten im Rahmen der Therapie von Alveolarfortsatzfrakturen rigide Schienen zur Stabilisierung der Fragmente eingesetzt werden (Ebeleseder und Glockner 1998).

Anforderungen an die Schienungsmittel:
  • einfache Herstellung und Applikation
  • Schonung von Gingiva und Parodont
  • Nichtbeeinflussung der Okklusion und Vermeidung von Zwangpositionen
  • Mundhygienefreundlichkeit und Tragekomfort
  • Ermöglichung endodontischer Maßnahmen
  • indikationsbezogene adäquate Fixation im Zeitraum der Immobilisation
  • indikationsbezogenes Rigiditätsverhalten
Eine geeignete Drahteinlage für eine rigide Fixierung ist z. B. ein Draht 0,8 x 1,8 dreifach geflochten.



Übersicht über Schienungsbehelfe (Berhold 2002)
Schienentyp Beschreibung Bemerkungen
Drahtbogen-Schienen Befestigung eines freihändig gebogenen oder in Labor gefertigten Drahtbogens verschiedener Dimension meist mittels Drahtligaturen, teilweise mit chemisch härtenden Kunststoffen verkleidet
  • mögliche Irritation der Gingiva
  • Mundhygiene anspruchsvoll
  • Endodontie meist möglich
  • rigide
  • direkt herstellbar, anspruchsvoll
  • ästhetisch auffällig
  • einfache Korrektur bei Repositionsfehlern möglich
Bracketschienen Befestigung von Drahtbögen oder Schienungsdrähten durch Edgewise oder Knopfbrackets aus der Kieferorthopädie, welche mittels Säure-Ätz-Technik und Kunststoff an den Zähnen befestigt werden
  • relativ gute Hygienefähigkeit
  • keine Irritation der Gingiva
  • Endodontie möglich
  • in Abhängigkeit vom Schienungsdraht flexibel
  • direkt herstellbar
  • relativ kostenintensiv
  • anspruchsvoll für Behandler
  • kein gängiges Material für Allgemeinzahnarzt
  • ästhetisch mäßig störend
Ringklebeschienen in Verbindung mit Säure-Ätz-Technik und Komposit anatomisch den Zahnabständen in Ober- und Unterkiefer anpassbare Ringklebeschiene aus Silicadraht oder Titan, welche mittels Säure-Ätz-Technik und Komposit an den Zähnen befestigt wird
  • relativ rigide
  • direkte und relativ einfache Applikation
  • hoher Materialaufwand
  • kostenintensiv
  • gute Hygienefähigkeit
  • keine Traumatisierung der Gingiva
  • Endodontie möglich
  • relativ aufwendig zu entfernen
Komposit in Verbindung mit der Säure-Ätz-Technik und Drahtverstärkungen Nutzung von chemisch oder lichthärtenden Kompositmaterialien als Schienungsmaterial, Vorbereitung der Zahnoberfläche mittels Säure-Ätz-Technik zur Verbesserung der Haftung am Zahn, Verwendung finden Kunststoffe aus der Füllungstherapie und provisorische Kronen- und Brückenmaterialien, zusätzliche Nutzung von verschiedenen Drähten, um die Bruchgefahr zu minimieren sowie die Schienungen den Gegebenheiten optimal anzupassen
  • direkte, einfache Applikation
  • gängige Materialien
  • kostengünstig
  • Endodontie möglich
  • keine Traumatisierung der Gingiva
  • gute Hygienefähigkeit
  • nach Wunsch flexibel/rigide
  • relativ aufwendig zu entfernen
  • relativ ästhetisch
  • guter Tragekomfort

Operative Therapie

Alveolarfortsatzfraktur
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Indikationen zur offenen Reposition sind folgende:
  • stark disloziierte Fraktur
  • instabile Fraktur
  • Falls eine geschlossene Reposition erfolglos ist:
  • komplexe Verletzungen mit begleitenden Weichteilverletzungen
  • Defektfrakturen
  • Gefühlsstörungen
  • fehlende Zähne (z. B. traumabedingt oder im Wechselgebiss)
  • Wo eine genaue Positionierung der Frakturfragmente über eine Zahnschiene oder Okklusion nicht möglich ist (z. B. teilbezahnter Kiefer)
Ist eine Osteosynthese zur Fragmentfixierung erforderlich, so werden Miniplatten oder auch Mikroplatten verwendet. Der Alveolarfortsatz ist kaum Muskelkräften ausgeliefert.

Ergänzende Maßnahmen

  • Versorgung verletzter Zähne (verletzte Zähne werden nach den Grundsätzen der Therapie von Zahntraumen behandelt)
  • Antibiotikatherapie
  • Schmerztherapie

Risikofaktoren

  • Hämorrhagie
  • bestehende Okklusionsstörung oder fehlende Okklusion
  • Zahnfrakturen
  • Zahn im Bruchspalt
  • parodontale Erkrankung oder Infektion
  • Größe der Fragmente
  • Dislokation
  • insuffiziente Blutversorgung der Frakturfragmente und/oder begleitender Weichgewebeanteile
  • Begleitverletzungen, welche die primäre Versorgung der Alveolarfortsatzfraktur nicht ermöglichen (z. B. polytraumatisierte Patienten)
  • Zeitspanne bis zur Frakturversorgung
  • prätraumatische Knochenschädigung (metabolisch, Radatio)

Komplikationen

  • Zahnverlust
  • parodontale Defekte nach Schienungstherapie
  • Devitalisierung von Zähnen
  • ausbleibende Frakturheilung
  • Narbenbildung
  • Funktionsstörung
  • Okklusionsstörung
  • Kaufunktionsstörung
  • Dysphagie
  • Sprachstörung
  • chronische Schmerzen
  • chronische Infektion (Osteomyelitis)
  • chronische neurologische Funktionsstörung
  • oroantrale oder oronasale Fistel

Empfehlung

Im allgemeinen ist eine ambulante Behandlung ausreichend. Sind zahlreiche Zähne betroffen oder liegen Begleitverletzungen der Weichteile vor, so kann eine stationäre Behandlung indiziert sein.