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Aspiration von Fremdkörpern während der zahnärztlichen Behandlung

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Definition

Mit Aspiration bezeichnet der Mediziner das An- oder Einatmen von Fremdkörpern in die Atemwege.
Der Begriff wird insbesondere in der Notfallmedizin, aber auch im Bereich Narkosemedizin benutzt.

Symptome und Begleiterscheinungen einer Aspiration

Die Aspiration zahnärztlicher Instrumente und Materialien stellt einen noch kritischeren Ernstfall dar und ist stets als Notfall anzusehen.

Akutsyptome
  • Der Notfallpatient greift sich häufig an den Hals.
  • zunächst Blässe, dann Zyanose des Gesichts
  • Hustenanfälle
  • Würgereiz, Erbrechen
Früh einsetzende Komplikationen sind
  • akute Atemnot (Dyspnoe)
  • Atemdepression bzw. Atemstillstand infolge Atemwegsverlagerung (Asphyxie)
  • Kehlkopfödem
  • ggf. Herzstillstand
  • Gefahr der Pleuraperforation und des Pneumothorax
Insbesondere bei der Aspiration dünner, spitzer Instrumente besteht ein erhöhtes Risiko der Perforation und des Pneumothorax.

Alle Massnahmen zur Entfernung des Fremdkörpers sind sofort zu ergreifen!

Eine Verzögerung in der Diagnose der Fremdkörper-Aspiration erhöht die Inzidenz der Komplikationen wie z. B. Bronchusstriktur, lokale Bronchiektasien, Lungenabszesse, Pneumonien.
Ist die Entfernung des Objektes um mehr als 24 Stunden nach der Aspiration verzögert, so kann dies die Bronchoskopie erheblich beeinträchtigen (Zitzmann et al. 2000).

Vorgehen

Sobald ein Fremdkörper während der Behandlung im Rachenraum des Patienten verschwindet:
  1. Lagerung des Patienten mit 20-30° gelagertem Oberkörper von der Horizontalen ausgehend mit rekliniertem Kopf
  2. Sauerstoffgabe (6 l/min) über eine Nasensonde
    Die Luft, die noch eingeatmet werden kann, sollte gut oxigenisiert sein.
  3. Der Patient wird aufgefordert, abzuhusten und somit das Objekt, insbesondere, wenn es die Stimmritze noch nicht passiert hat, auszuhusten (Zitzmann et al. 2000).
    Reagiert der Patient mit Würgen, erschwerter Atmung oder inspiratorischem Stridor, so ist der Fremdkörper bereits kaudal des Kehlkopfes und kann nicht mehr ausgehustet werden.
  4. Durchführung des Heimlich-Manövers
    Das Heimlich-Manöver wird bei einer kompletten Verlegung der Atemwege nur bei drohendem Ersticken durchgeführt. Durch kräftige Stöße in Richtung Zwerchfell kann durch eine Druckerhöhung im Tracheobronchialsystem ein Ausstoßen des Fremdkörpers möglich werden.
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    Fassen Sie mit den Armen von hinten um den Brustkorb des Patienten und legen Sie Ihre Hände auf den Oberbauch knapp unterhalb des Rippenbogens.
    Die Hände fassen sich gegenseitig.
    Üben Sie einen schnellen Stoß durch kurzes, kräftiges Ziehen der Arme aus.
    Auf den Brustkorb und vor allem den Oberbauch des Patienten wird dann in mehreren Stößen Druck ausgeübt, so dass durch den erhöhten Druck im Thorax der Fremdkörper aus der Trachea geschleudert werden kann.
    Am Kopf des Patienten inspiziert möglichst ein zweiter Helfer den Rachenraum, um den Fremdkörper manuell oder mit der Magill-Zange zu entfernen.
    Die Mehrzahl (75%) der aspirierten Fremdkörper findet sich im steilen und weiteren rechten Hauptbronchus bzw. rechten Lungenunterlappenbronchus.
  5. Aufsuchen einer Klinik mit der Möglichkeit zur bronchoskopischen Entfernung des Fremdkörpers nach röntgenologischer Lageidentifizierung

    Verschwindet ein Objekt im Oropharynx unabhängig davon, ob der Fremdkörper verschluckt oder aspiriert wurde, muss eine Aspiration röntgenologisch ausgeschlossen werden.
    Den Patienten in dieser Situation nach Hause zu entlassen, im Glauben, das Objekt sei verschluckt worden und finde seinen natürlichen Weg durch den Intestinaltrakt, ist als Unterlassung einzustufen und kann lebensbedrohliche Folgen haben.
  6. Wenn der Notfallpatient bewusstlos wird,
    • überstrecken Sie den Kopf und öffnen Sie den Mund, indem Sie das Kinn nach vorne und unten ziehen.
    • Entfernen Sie alle sichtbaren Verlegungen.
    • Überprüfen Sie die Atmung durch "sehen-hören-fühlen".
    • Geben Sie 2 effektive Beatmungen
    • Lassen Sie parallel den Notarzt rufen.
  7. Wenn keine effektiven Beatmungen durchführbar sind,
    • beginnen Sie unverzüglich mit Herzdruckmassagen, um den Fremdkörper herauszubringen.
      Beginnen Sie ohne Überprüfung der Kreislaufsituation.
    • Nach 15 Herzdruckmassagen untersuchen Sie den Mund auf Fremdkörper, versuchen Sie dann weitere Beatmungen.
    • Wenn Beatmungen zu irgendeinem Zeitpunkt durchführbar sind, überprüfen Sie die Kreislaufsituation.

Rechtliche Grundlagen

(Herdach et Große-Sende (2002))

Ein Zahnarzt, der bei der Benutzung eines Kleininstrumentes die von der Wissenschaft für erforderlich gehaltenen Sicherungsmaßnahmen unterlässt, handelt fahrlässig (BGH 1952). Schluck-, Zungen- und Abwehrbewegungen des Patienten müssen vorausgesehen werden, der Zahnarzt kann sich nicht auf seine Geschicklichkeit und Routine bei der Behandlung mit ungesicherten Wurzelkanalinstrumenten verlassen (OLG Nürnberg 1953). Der Zahnarzt hat, wenn es zu einem Zwischenfall gekommen ist, im Zuge seiner Schadensabwehrpflicht sofort alles Erforderliche zu veranlassen, um weiteren Schaden abzuwenden, ansonsten kann ihm Fahrlässigkeit zur Last gelegt werden.

Patienten mit erhöhtem Risiko

Verschluckte und aspirierte Objekte wurden besonders bei folgenden Patientengruppen gefunden (Prakash et Cortese 1994):
  • Gefangene
  • psychisch Kranke
  • Alkoholiker
  • senile, debile, nervöse oder hyperaktive Patienten
  • Patienten mit extremem Würgreflex (Prakash et Cortese 1994)
  • Patienten mit Hiatushernien und Symptomen der Refluxösophagitis (Beeinträchtigung des Schluckreflexes)
  • bei Patienten mit erhöhtem intraabdominalen Druck (z. B. Übergewichtige oder Schwangere) kann ebenfalls eine Dysphagie (Schluckstörung) vorliegen, insbesondere in reklinierter Lage des Oberkörpers.
  • Bei Patienten mit erschwerter und limitierter Zugänglichkeit zum Kopf-Hals-Bereich bzw. zur Mundhöhle auf Grund anatomischer Gegebenheiten, wie z. B. Fassthorax, Mikrostomie sowie bei Makroglossie
  • Patienten mit reduzierter oder beeinträchtigter Funktion des Zentralnervensystems (bei Einnahme von Sedativa, Tranquilizern oder Opiaten)
  • gehäuft bei Totalprothesen-Trägern (reduzierte taktile Wahrnehmungsfähigkeit im Bereich der palatinalen Mukosa (Maleki et Evans 1970))

Präventive Massnahmen

  • Gebrauch des Kofferdams
  • Sichern kleiner Instrumente oder Wurzelstifte mit Zahnseiden-Ligatur
  • Abdecken des Oropharynx mit Gaze während der Behandlung des intubierten Patienten
  • Patienten, bei denen die Koordination des Schluck- und Hustreflexes beeinträchtigt ist, sollten in sitzender oder nur leicht reklinierter Position behandelt werden.
  • kein Tragen von gebrochenen Prothesen
    Polymethylmetacrylat (PMMA) besitzt eine geringe Röntgenopazität, daher ist ein verschluckter oder aspirierter Prothesenanteil im Röntgenbild nicht zuletzt durch Überlagerung von röntgendichten Strukturen nur sehr schwer identifizierbar.
    Zur Stabilisierung einer Prothese im Falle ihrer Fraktur und zur Identifikation im Röntgenbild kann ein Stahlbogen in die Prothese eingearbeitet werden (Herdach et Große-Sende 2002).

Weiterführende Artikel

> Akuter Thorax, traumatisch
> Aspiration


Quellen

  • Herdach F, Große-Sende S (2002)   Verschlucken und Aspiration von Fremdkörpern während der zahnärztlichen Behandlung   Int Poster J Dent Oral Med 2002, Vol 4 No 2, Poster 118
  • Maleki M, Evans WE (1970)   Foreign-body perforation of the intestinal tract. Report of 12 cases and review of the literature   Arch Surg 101:475-7
  • Prakash UBS, Cortese DA (1994)   Tracheobronchial foreign bodies   Chapter 18, In: Prakash UBS (Ed.). Bronchoscopy. 2. Aufl. Raven Press, New York, 253-277
  • Zitzmann NU, Fried R, Elsasser S, Marinello CP (2000), The aspiration and swallowing of foreign bodies. The management of the aspiration or swallowing of foreign bodies during dental treatment, Schweiz Monatsschr Zahnmed 110:619-32